#composer: Darius Milhaud ‚Creation du monde‘

Bild 4zu3 Creation klein

1922 reiste der französisch-jüdische Komponist, Geiger und Dirigent Darius Milhaud (1892-1974) für einige Wochen nach New York. Zwischen Solo-Auftritten, Uraufführungen eigener Werke und Gastdirigaten nahm er sich immer wieder Zeit Jazz-Konzerte zu besuchen. Während er zunächst in etabliertere Broadway-Theater ging, weitete er seine Erkundungen bald auf Bars und Tanzclubs in Harlem aus, wo er unterschiedlichste afro-amerikanische Musiker und Bands erlebte. Das, was er dort hörte, beeindruckte ihn sehr: „Die Nordamerikaner haben in der Tat in der Jazz-Band eine ihnen absolut eigene künstlerische Ausdrucksform gefunden und ihre wichtigsten Jazz-Bands erreichen eine solche Vollendung ihrer Darbietungen, dass sie die Berühmtheit der bekannten symphonischen Vereinigungen […] zu teilen würdig wären.“ schrieb er später darüber.

Zurück in Frankreich begann Milhaud sofort die Arbeit an einer Ballettmusik für das ‚Ballets Suédois‚. Dessen Leiter, Rolf de Maré, hatte ein Werk in Auftrag gegeben, dem ein afrikanischer Schöpfungsmythos zugrunde lag – die Pariser Kunstszene der 1920er Jahre war vom Primitivismus und Exotizismus geprägt und von der Kultur Afrikas fasziniert. La Création du monde, Die Erschaffung der Welt, feierte im Oktober 1923 Premiere – für die visuelle Umsetzung des Balletts war übrigens kein geringerer als Fernand Léger zuständig. Mit der Musik gelang Darius Milhaud ein Brückenschlag: er übernahm Jazz-Elemente in sein klassisches Schaffen und schuf etwas Neues, im Konzertsaal Ungehörtes. Dabei wollte er über die Jazz-Akkorde, -Rhythmen und -Techniken in seiner Ballettmusik das „rein archaische Gefühl“ der Schöpfungsgeschichte vermitteln.   

Milhauds gelungene Symbiose aus europäischer symphonischer Tradition und amerikanischem Ragtime begeisterte auch Leonhard Bernstein: “Aus dem ist ein echtes Meisterwerk entstanden, ein abendfüllendes, voll entwickeltes Jazz-Stück, das so viel Charakter und Originalität besitzt, dass es heute genauso frisch klingt wie 1923. […] Unter allen musikalisch-experimentellen Flirts mit Jazz, die es in Europa zu dieser Zeit gab, ist nur La Création du monde vollendet – nicht als Flirt, sondern als echte Liebesaffäre.“