Das Projekt ‚Kofflers Schicksal: Die Goldberg-Variationen‘

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In der Spielzeit 2023-24 steht mit Kofflers Schicksal: Die Goldberg-Variationen das größte Projekt der mittlerweile 18jährigen Geschichte des JEWSH CHAMBER ORCHESTRA MUNICH auf unserem Konzertplan. In insgesamt 14 Konzerten deutschlandweit und einem Konzert in Budapest präsentiert Dirigent Daniel Grossmann einen Abend, der sich mit Leben und Werk des polnisch-jüdischen Komponisten Józef Koffler beschäftigt.

Dabei ist es dem künstlerischen Leiter des JCOM wichtig, die Künstler, die wir heute hauptsächlich im Zusammenhang ihrer tragischen Todesumstände wiederentdecken, auch in ihrem Leben vor dem Holocaust zu präsentieren. Józef Koffler gestaltete die ersten 35 Jahre seines Lebens sehr erfolgreich: er war angesehener und von bekannten Interpreten gespielter Komponist und erhielt schon mit 32 Jahren eine Professur an der Musikhochschule in Lemberg. Erst ab Mitte der 1930er Jahre überschatteten die politischen Ereignisse in Europa Kofflers Schaffen. Mit der sowjetischen Besatzung Polens 1939 und dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 folgten zunächst Berufsverbot, dann die Internierung im Ghetto von Krakau und schließlich seine Ermordung.

Im ersten Teil des Konzertabends führt Daniel Grossmann in das Leben Józef Kofflers ein, dann erklingt Kofflers Streich-Trio op. 10 in einer neuen Bearbeitung für Kammerorchester von Nicolas Hersh. Eines der Anliegen des Projekts ist es, das Werk Kofflers aus der Vergessenheit zu holen. Aber Kofflers Schicksal möchte nicht ein reines ‚Erinnerungs-Konzert‘ sein: in der zweiten Konzerthälfte kommt zur Musik – Auszügen aus Kofflers Instrumentierung der berühmten Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach – ein neuer Text der deutsch-jüdischen Autorin und Dramaturgin Stella Leder. Gesprochen von der Schauspielerin Jelena Kuljic beschäftigt sich der Text anhand von Schlaglichtern aus Kofflers Geschichte, die exemplarisch für viele im Holocaust ermordete Künstler steht, mit den Möglichkeiten und den Grenzen des Erinnerns. Was bedeutet es, sich im Jahr 2023 in Deutschland an einen im Holocaust ermordeten Komponisten zu erinnern? Wie vermitteln wir Wissen über den Holocaust, das über reine Zahlen hinausgeht, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können? Wie begegnen sich heute die Nachkommen der Täter und der Opfer? Jelena Kuljic spricht das Publikum an und schlägt den Bogen in die Gegenwart.

„Diese Offenheit, die einerseits unmissverständlich bleibt, zugleich den Hörer aber zur eigenen Auseinandersetzung zwingt, ist eine Stärke dieses Abends, der sich nicht im Gedenken an einen vergessenen jüdischen Komponisten erschöpft. Grossmann, Leder und der Dramaturg Martin Valdés-Stauber ehren Kofflers Werke als künstlerisches Material, um es zu nutzen und dem heutigen Publikum zu vermitteln, wie gegenwärtig die schwierige Vergangenheit bleibt. Und das ist womöglich nachhaltiger, als in falscher Ergriffenheit zur Tagesordnung überzugehen.“ schreibt Robert Braunmüller in der Münchner Abendzeitung zur Premiere von Kofflers Schicksal: Die Goldberg-Variationen im November 2023.

Weitere Konzerttermine hier im Konzertkalender.

Das Projekt Kofflers Schicksal wird von der Beauftragten der Bundes­regierung für Kultur und Medien im Rahmen des Förderprogramms ‚Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland‘ unterstützt und tourt in den Jahren 2023 und 2024 durch Deutschland. Ein besonderer Schwerpunkt sind dabei Aufführungen für Schüler*innen und Studierende. Das Projekt entstand in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen und dem künstlerischen Forschungsfeld Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart.