#composer: Meyerbeer und seine Zeitgenossen

#composer: Meyerbeer und seine Zeitgenossen

FREUNDSCHAFTEN UND RIVALITÄTEN
von Sigurd Neubauer

Dieser Beitrag erschien zuerst im ‚Man & Culture Magazine‘, die Veröffentlichung erfolgt in freundlicher Genehmigung des Autors: https://bit.ly/3rBnYrL

Im Herbst 1814 bot der Berliner Kapellmeister Bernald Amsel-Weber Giacomo Meyerbeer an, als stellvertretender Musikdirektor in Berlin zu arbeiten, doch der junge Komponist lehnte ab, weil er zunächst seine Studien in Italien fortsetzen wolle. Die Jahre 1816-1825 verbrachte Meyerbeer in Italien, und lernte das dortige Opernschaffen, den sogenannten ‚rossini’schen Stil‘ kennen. Während dieser Zeit entstanden sechs Opern:

  1. Romilda e Costanza (1817)
  2. Semiramide riconosciuta (1819)
  3. Emma di Resburgo (1819)
  4. Margherita d’Anjou (1820)
  5. L’esule di Granata (1822
  6. Il crociato in Egitto (1824)

Während seinem Italien-Aufenthalts begründete sich eine lebenslange Freundschaft zwischen Meyerbeer und Gioacchino Rossini, aus der auch andere künstlerische Verbindungen entstanden: Das Libretto von Romilda e Costanza beispielsweise stammte von Gaetano Rossi, der auch für Rossini und Gaetano Donizetti arbeitete. Margherita d’Anjou wurde an der Mailänder Scala uraufgeführt, die bis heute Italiens wichtigstes Opernhaus ist. Mit dieser Oper erlangte Meyerbeer, der 1820 noch nicht einmal 30 Jahre alt war, große Bekanntheit in Italien. Sein italienischer Erfolg verschaffte ihm 1825 mit Il crociato in Egitto eine Einladung ans Pariser Théâtre-Italien, wo Rossini zu dieser Zeit Musikdirektor war.

Der Dirigent der Pariser Erstaufführung von Il crociato in Egitto war kein Geringerer als Rossini selbst. Die wachsende internationale Anerkennung des Opernschaffens von Meyerbeer wurde deutlich, als König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1797-1840) die zweite Aufführung besuchte. Für Meyerbeers fünfte italienische Oper, L’esule di Granata, schrieb Felice Romani das Libretto, der später Librettist von Vincenzo Bellinis (1801-1835) Norma war, eine Oper die im zwanzigsten Jahrhundert die legendäre Maria Callas zu ihrer Paradeoper machte. In der Zwischenzeit war Romani, der sowohl für Meyerbeer als auch für Rossini geschrieben hatte, auch als Librettist für Donizettis L’elisir d’amore tätig, eine Oper die wiederum im zwanzigsten Jahrhundert Luciano Pavarotti zu einer seiner bekanntesten Opern machte.

MEYERBEER FREUNDSCHAFT MIT DONIZETTI

Meyerbeer freundete sich auch mit Donizetti an, schreibt Elaine Thornton in ihrem Buch über Meyerbeers Leben und Werk. Sie schildert, wie der preußische Komponist in Italien erfolgreich wurde, dem Land, in dem die Oper als Kunstform ihren Ursprung hatte. Aufgrund von Meyerbeers italienischem Erfolg versuchte Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1820, ihn an den preußischen Hof zu holen, um unter seinem Musikdirektor Gaspare Spontini (1774-1851) zu arbeiten. Ein Angebot, das Meyerbeer ablehnte. Spontini, ein italienischer Staatsbürger, war auch der Komponist der preußischen Nationalhymne. Er war vom König persönlich angeworben worden, obwohl Meyerbeers alter Freund Carl Maria von Weber (1786-1826) zunächst in der engeren Wahl für die Stelle gestanden hatte. Nach von Webers Tod vertrat die Familie Meyerbeer die Operninteressen seiner Familie in Berlin. Von Webers Frau bat Meyerbeer sogar, seine letzte Oper Die Drei Pintos zu vollenden. Das übernahm allerdings 1887 Gustav Mahler (1860-1911), aber die Oper war nie erfolgreich, schreibt Thornton.

Als Meyerbeer 1825 in Paris ankam, wurde sein wichtigster Mitarbeiter der Librettist Eugene Scribe (1791-1861). Scribe „entwickelte neue Ideen für die Opera comique und arbeitete mit etablierten Musikern zusammen… Scribe trug mehr als jeder andere Autor dazu bei, die französische Oper an die Spitze der exportfähigen Waren zu bringen“, heißt es in der Oxford History of Opera. Meyerbeers Zusammenarbeit mit Scribe brachte ihn an die Pariser Oper, das prestigeträchtigste und wichtigste Opernhaus Frankreichs. Am 21. November 1831 wurde Meyerbeers erste ‚Pariser Oper‘ uraufgeführt: Robert Le Diable (Robert der Teufel). Gäste der Uraufführung waren Frédéric Chopin (1810-1849), George Sand (1804-1876), Honoré de Balzac (1799-1850), Berlioz, Luigi Cherubini (1760-1842), Alexandre Dumas (1802-1870) und Alexander von Humboldt (1769-1859), ein Freund der Familie Beer. Die Oper war ein großer Erfolg: schon im 19. Jahrhundert wurde sie an der Pariser Oper über 750 Mal gespielt, schon bis 1850 gab es Aufführungen an Orten wie Kalkutta, New Orleans, Rio de Janeiro, Mauritius und Moskau.

MEYERBEER: ROBERT LE DIABLE

Robert Le Diable wurde zu französischem Kulturgut, so Thornton. Als beispielsweise der berühmte Maler Edward Degas 1871 das Orchester der Pariser Oper malen wollte, entschied er sich dafür, es während des Nonnenballetts in dieser Oper zu malen. Chopin und Franz Liszt (1811-1886) trugen ebenfalls zur Verbreitung des Werks bei, indem sie Klavierarrangements schrieben. Chopin nannte die Oper ‚ein Meisterwerk‘ und fügte hinzu, dass „Meyerbeer sich unsterblich gemacht hat“. Als Chopin 1849 starb, wurde Meyerbeer zusammen mit dem außergewöhnlichen Maler Eugene Delacroix (1798-1863) als Sargträger ausgewählt.

Zusammen mit Robert Le Diable können die Opern Les Huguenots (Die Hugenotten, 1834), Le Prophète (Der Prophet, 1849) und L’Africaine (Die Afrikanerin), die erst nach Meyerbeers Tod 1865 uraufgeführt wurde, als ‚Grand Opéra‘ bezeichnet werden. Das Konzept der ‚Grand Opéra‘ wurde von Louis-Desire Veron (1798-1867) entwickelt, der versuchte, die Pariser Oper zu ‚demokratisieren‘, indem er Opern schuf, die mehr dem Geschmack der Bourgeoisie entsprachen. Die ‚Grand Opéra‘ zeichnet sich durch eine spannende Handlung und eine zugängliche Musik aus, die an die Gefühle appelliert.

„Opern in diesem Stil hatten eine Reihe von charakteristischen Merkmalen: Die Geschichte konzentrierte sich typischerweise auf ein persönliches Dilemma vor dem Hintergrund weitreichender historischer Ereignisse, oft mit zum Scheitern verurteilten Beziehungen, die religiöse oder soziale Grenzen überschritten. Die Inszenierung verlangte Szenen mit großen Menschenmengen, ein großes Orchester und spektakuläre Bühneneffekte. Es wurde sehr darauf geachtet, die Zeit und den Ort, an dem die Oper spielt, genau wiederzugeben, nicht nur durch Kostüme und Kulissen, sondern auch durch die Einführung von Musik mit ‚Lokalkolorit‘“, schreibt Thornton.

Auch Les Huguenots war im 19. Jahhundert ein großer Erfolg und wurde über tausend Mal an der Pariser Oper aufgeführt. „Bis heute ist nur Gounods Faust häufiger gespielt worden“, schreibt Thornton. Es gibt hunderte von Bearbeitungen, unter anderem von Frantz List (1811-1886), Johan Strauss Sr. (1804-1849) und Ralph Vaughan Williams (1872-1958).

„Gleichzeitig wurden mehrere Melodien aus Le Prophète eigenständig populär, einige sind es bis heute geblieben. Der Krönungsmarsch aus dem fünften Akt wurde bei Staatsanlässen verwendet. 1851 ergriff Louis Napoleon, wie schon sein Onkel zuvor, die Macht in der Republik und wurde 1852 zum Kaiser Napoleon III (1808-1873). Als er im Januar des folgenden Jahres eine spanische Gräfin, Eugenie de Montijo, in der Kathedrale Notre Dame in Paris heiratete, betrat die Braut die Kathedrale zu den Klängen des Marsches aus Le Prophete.“, schreibt Thornton. Napoleon III., der von 1852-1870 regierte, lud Meyerbeer regelmäßig zu Hofveranstaltungen ein und besuchte zusammen mit seiner Frau die Uraufführung von L’Africaine im Jahr 1865.

INTERNATIONALER ERFOLG MEYERBEERS

Im Jahr 1833 wurde Meyerbeer Mitglied der Preußischen Akademie. König Friedrich Wilhelm IV. verlieh ihm, Rossini, Mendelssohn und List jeweils den ‚Orden Pour le Merite‘. Meyerbeer war hatte in Paris bereits große öffentliche Anerkennung erfahren: 1832 wurde er Mitglied der französischen Akademie und Chevalier der Ehrenlegion. Im Jahr 1850 ernannte Kaiser I. Franz Joseph von Österreich (1830-1916) zum Ordensritter.

1842 berief König Friedrich Wilhelm IV. Meyerbeer als Nachfolger von Spontini zum Berliner Hofkapellmeister, wodurch er die Leitung der Berliner Oper übernahm. Zur gleichen Zeit wurde Mendelssohn zum Kirchenmusikdirektor am Berliner Hof ernannt. Meyerbeer betrachtete Mendelssohn als ‚seinen ärgsten Feind‘ betrachtete, wie Thornton schreibt.

Auch in Großbritannien war Meyerbeer beliebt, Königin Victoria (1819-1901) ließ seine Musik regelmäßig spielen. Sie beauftragte ihn sogar mit der Organisation der musikalischen Unterhaltung für ihren Besuch in Preußen im Jahr 1845, außerdem erhielt er von ihr den Auftrag, eine Ouvertüre für das Eröffnungskonzert der Londoner Weltausstellung 1862 zu komponieren.

MEYERBEER UND WAGNER: VOM PROTÉGÉ ZUM WIDERSACHER

In einem Interview mit Man & Culture sagt Thornton, dass Wagner ‚ursprünglich ein Protégé‘ von Meyerbeer gewesen sei. Meyerbeer kannte Wagner seit 1837, als Wagner dem knapp 30 Jahre älteren Komponisten aus Königsberg schrieb, sich als junger Komponist vorstellte und ihn um Unterstützung bat. Zu dieser Zeit hatte Wagner bereits zwei Opern komponiert, Die Feen und Das Liebesverbot nach William Shakespeares (1564-1616) Maß für Maß, die allerdings keinen einen nennenswerten Erfolg hatten. Wagner bat Meyerbeer zunächst, ihm bei der Aufführung seiner Opern zu helfen. „Als er [Wagner] im Oktober 1839 nach Paris zog bat er ihn [Meyerbeer] sogar, ihm Geld zu leihen“, schreibt Thornton. Meyerbeer führte Wagner nicht nur an der Pariser Oper ein, sondern stellte auch seine dritte Oper, Rienzi, an der Dresdner Hofoper vor. Dies trug zu Wagners erstem Erfolg bei: er wurde 1843 zum Königlich Sächsischen Hofkapellmeister ernannt – eine Position die ihm erstmals finanzielle Sicherheit gab. Meyerbeer unterstützte auch die Uraufführung von Wagners Der Fliegende Holländer 1844 in Berlin und gab sogar ein Abendessen für den Komponisten. Der Fliegenden Holländer wurde Wagners Durchbruch und machte den jungen Opernkomponisten bekannt.

Meyerbeer war besorgt, dass Wagner sich gegen ihn wenden könnte, so Elaine Thornton In seiner privaten Korrespondenz wendete sich Wagner bereits in den 1850er Jahren gegen Meyerbeer. Er nutzte Meyerbeers jüdischen Familienhintergrund um diesen zu diskreditieren. Berüchtigt ist Mahlers Essay mit dem Titel Judentum in der Musik. Obwohl darin Meyerbeer nicht namentlich erwähnt wird, richtet sich das Essay eindeutig gegen ihn und Felix Mendelssohn, erklärt Thornton. „Wagner beschuldigte die Juden der ‚Kommerzialisierung der Kunst‘, während er sie um ihrer reinen Formen willen verfolgte“, sagt Thornton. 1851 begann Wagner in seinem Werk Oper und Drama Meyerbeer direkt öffentlich anzugreifen.

Wagner glaubte, dass seine Oper Tannhäuser (1861) in Paris gescheitert war, weil Meyerbeer sich gegen ihn verschworen hatte. Wagner beschuldigte Meyerbeer, sein Vermögen zu nutzen, um Kritiker zu bestechen und gegen ihn zu mobilisieren. Wagners Kampagne gegen Meyerbeer wurde von seinen Anhängern aufgegriffen. „Die Anti-Meybeer-Kampagne hatte einen nachhaltigen Einfluss“, sagt Thornton, „Wagner trug dazu bei, dass die Werke Meyerbeers in den Vereinigten Staaten nicht aufgeführt wurden: Wenn Meyerbeers Werke in Europa nicht aufgeführt würden, würden sie auch in der Metropolitan Opera in New York nicht aufgeführt werden“, erklärt sie.

Wagners Hetzkampagne warf einen nachhaltigen Schatten auf Meyerbeers Werk: der deutsche Nationalismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte Wagners Werke immer populärer, während der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmende Antisemitismus,der schließlich im Holocaust gipfelte, die Ablehnung der Werke jüdischer Künstler beschleunigte. In der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) wurde Meyerbeers Musik gänzlich verboten, während Wagners Musik gefeiert wurde. Aufgrund von Wagners immer deutlicherem Antisemitismus und der Tatsache, dass die Nazis seine Musik für ihre eigenen Propagandazwecke nutzten, wird bis heute in Israel kein Werk Wagners öffentlich gespielt. Ironischerweise werden auch die Kompositionen Meyerbeers in Israel kaum aufgeführt.

Meyerbeer reagierte nie öffentlich auf Wagners Anschuldigungen. Er bestand auch darauf, dass seine persönlichen Papiere und Tagebücher niemals veröffentlicht werden sollten. Erst in den 1950er Jahren öffnete einer von Meyerbeers Nachfahren, Hans Richter, der Sohn von Meyerbeers Tochter Cornelie, das Privatarchiv des Komponisten für Wissenschaftler, ohne jedoch selbst etwas zu veröffentlichen. Richter tat dies, weil er der Ansicht war, dass es insbesondere nach den Ereignissen während des Zweiten Weltkriegs im öffentlichen Interesse lag, sagt Thornton.

Als Meyerbeer am 2. Mai 1864 starb, wurde für ihn ein Sonderzug organisiert um ihn zurück in seine Heimatstadt Berlin zu bringen. Der Leichenzug verließ den Pariser Gare Du Nord und wurde im Potsdamer Bahnhof von keinem Geringeren als Prinz Georg von Preußen (1826-1902) empfangen.

(Diesem Artikel liegen Elaine Thorntons Buch ‚Giacomo Meyerbeer and His Family: Between Two Worlds‘ (Vallentine Mitchell, 2021) und ein Interview mit der Autorin zugrunde.)

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