
Die sephardischen Juden und die spanische Inquisition
Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Spaniens ist reich, tragisch und komplex. Ein zentrales Kapitel dieser Geschichte beginnt im späten Mittelalter und zieht sich bis weit in die Neuzeit: die Geschichte der Conversos, der sogenannten Neuchristen, und ihre Verfolgung durch die Spanische Inquisition. Insbesondere das Konzept der "Limpieza de sangre" – der "Reinheit des Blutes" – wirft ein bezeichnendes Licht auf die rassifizierende Dynamik der frühmodernen Christenheit.
Wer waren die Conversos?
Conversos waren Jüdinnen und Juden, die im Spanien des 14. und 15. Jahrhunderts – oft unter Zwang – zum Christentum übergetreten waren. Nach den antijüdischen Pogromen von 1391 entschieden sich viele aus Angst um Leib und Leben für die Taufe. Damit verloren sie formal ihren jüdischen Status – doch in den Augen vieler "Altchristen" blieben sie Juden.
Viele Conversos versuchten nach ihrer meist erzwungenen Konversion, in der christlichen Mehrheitsgesellschaft Fuß zu fassen. Sie waren häufig gut ausgebildet, sprachen Kastilisch und engagierten sich in Berufen wie Handel, Medizin, Verwaltung oder Theologie. Ihr Erfolg und ihre Bildung führten jedoch bei Teilen der altchristlichen Bevölkerung zu wachsendem Neid, Misstrauen und Ressentiment – ein Nährboden für die spätere systematische Ausgrenzung.

Der Beginn der Inquisition
1478 wurde auf Betreiben der katholischen Könige Ferdinand und Isabella die Spanische Inquisition gegen „falsche Christen“ ins Leben gerufen. Im Fokus standen unter anderem die Conversos, denen man unterstellte, insgeheim weiterhin jüdische Rituale zu praktizieren, also sogenannte "Judaizantes" zu sein. Genauso richtete sie sich gegen zum Christentum konvertierte Muslime ("Moriscos") und andere Personen mit vermeintlich "abtrünnigen" Glaubensvorstellungen.
Die Inquisition war mehr als ein religiöses Tribunal – sie war ein staatliches Machtinstrument. Tausende wurden denunziert, verhört, gefoltert und auf Scheiterhaufen verbrannt. Der prominenteste Fall ist Luis de Carvajal der Jüngere, ein jüdischer Converso in Mexiko, der gemeinsam mit seiner Familie 1596 hingerichtet wurde.

"Limpieza de sangre" – Blutreinheit als Ausschlussmechanismus
Im 16. Jahrhundert verlagerte sich der Blick der Inquisition zunehmend von der religiösen Praxis auf die Abstammung. Wer jüdische oder maurische Vorfahren hatte – selbst wenn die Familie seit Generationen Christen war –, galt als "unrein". Die Vorstellung einer "Reinheit des Blutes" ("Limpieza de sangre") wurde zu einem machtvollen Instrument sozialer Ausgrenzung.
Diese Ideologie betraf all jene, deren familiäre Herkunft als "verdorben" galt. Damit ging es nicht mehr um den tatsächlichen Glauben, sondern um die Zugehörigkeit zu einer vermeintlich minderwertigen Abstammungslinie. Selbst der christliche Glaube konnte diesen vermeintlichen Makel nicht tilgen.
Die Limpieza-Ideologie verfestigte sich in Statuten, die den Zugang zu Universitäten, kirchlichen Orden, Verwaltungsämtern und ehrenvollen Berufen regelten. Wer keinen „reinen“ christlichen Stammbaum über mehrere Generationen nachweisen konnte, wurde systematisch ausgeschlossen. So wurde Blutreinheit zum sozialen Selektionsprinzip – ein Frühfall dessen, was wir heute als institutionellen Rassismus verstehen: Herkunft wurde das zentrale Kriterium für gesellschaftliche Teilhabe.

Flucht und Rückkkehr zum Judentum
Viele Conversos flohen – nach Portugal, in das Osmanische Reich, nach Italien, Nordafrika oder in die Neue Welt. Einige fanden in den sephardisch-jüdischen Gemeinden des Nahen Ostens oder in Amsterdam ihre spirituelle Heimat wieder. Dort entstanden sogenannte Marranen-Gemeinschaften.
Der Begriff "Marrano" ist ursprünglich eine abwertende Bezeichnung für sephardische Juden, die unter Zwang oder Druck zum Christentum konvertiert wurden, aber heimlich an ihrer jüdischen Religion und Kultur festhielten. Heute wird "Marrano" in der Forschung oft als synonym für "Converso" oder "Kryptojude" verwendet, um diese historischen jüdischen Gemeinschaften zu beschreiben.
Ihre Geschichten – voller Identitätskonflikte, kultureller Hybridität und Widerstand – sind heute wieder Gegenstand intensiver Forschung. Sie berühren auch Fragen von Zugehörigkeit, Assimilation und kulturellem Gedächtnis, die uns bis heute beschäftigen.
Warum wir uns heute daran erinnern sollten
Die Geschichte der Conversos ist mehr als ein historisches Thema. Sie ist Teil des jüdischen Erbes Europas – ein Erbe, das von Verfolgung, aber auch von kultureller Resilienz und Kreativität zeugt. Viele musikalische, literarische und intellektuelle Impulse der frühen Neuzeit wären ohne die Conversos nicht denkbar.
Im Herbst 2025 beschäftigt sich das JCOM im Projekt DIE SCHLÜSSEL VON TOLEDO mit der Musik und Kultur der sephardischen Juden. Dieses Projekt wird in der Bildungsagenda NS - Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.
Aktuelle Konzerttermine unter www.jcom.de/konzerte.