„Entartete Musik“ – Jüdische Komponisten im NS-Deutschland
Die Zeit des Nationalsozialismus gehört zu den dunkelsten Kapiteln der europäischen Kulturgeschichte. Zwischen 1933 und 1945 wurden jüdische Komponisten, Musiker und Musikpädagogen verfolgt, entrechtet, vertrieben oder ermordet. Ihre Werke wurden als „entartet“ diffamiert und aus dem musikalischen Leben verbannt. Dieser Artikel beleuchtet die historischen Hintergründe, zentralen betroffenen Künstler und die nachhaltigen Folgen dieser Kulturzerstörung.
Historische Ausgangslage
Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 begann ein systematischer Ausschluss jüdischer Künstler aus dem öffentlichen Leben. Bereits im April 1933 wurden jüdische Musiker aus staatlichen Orchestern entfernt, wenig später wurde der Begriff der „entarteten Musik“ propagandistisch aufgebaut.
Die nationalsozialistische Ideologie betrachtete Musik nicht als autonome Kunst, sondern als Ausdruck rassischer und nationaler Identität. Alles, was nicht in das kunstfeindliche Weltbild passte – darunter Jazz, Atonalität und jüdische Komponisten – wurde verfemt.

Betroffene Komponisten
Eine große Zahl herausragender Künstler fiel diesem System zum Opfer. Einige der wichtigsten:
Ernst Krenek
Zwar selbst nicht jüdisch, jedoch durch moderne Stilistik ins Visier geraten. Das NS-Regime nutzte seine Oper „Jonny spielt auf“ als Paradebeispiel vermeintlicher „Verfallserscheinungen“.
Erwin Schulhoff
Komponist und Pianist, stilistisch vielseitig, beeinflusst von Jazz und Avantgarde. Schulhoff starb 1942 im Internierungslager Wülzburg.
Viktor Ullmann
Einer der bedeutendsten Komponisten, die im KZ Theresienstadt wirkten. Sein Werk „Der Kaiser von Atlantis“ ist ein einzigartiges Dokument musikalischer Gegenwehr.
Gideon Klein
Hochbegabter Komponist und Pianist, ebenfalls in Theresienstadt aktiv, später in Auschwitz ermordet.
Kurt Weill
Als berühmter Opern- und Bühnenkomponist („Die Dreigroschenoper“) floh er ins Exil nach New York, wo er seine Karriere erfolgreich fortsetzte.

Theresienstadt: Musik unter extremen Bedingungen
Das KZ Theresienstadt spielte eine besondere Rolle in der Geschichte der „verfemten Musik“. Dort konnten jüdische Musiker unter erschwerten Bedingungen komponieren und auftreten. Viele Werke dokumentieren die außergewöhnliche Kraft der Musik in Extremsituationen. Trotz künstlerischer Leistungen wurde die sogenannte „Kulturblüte“ von der NS-Propaganda missbraucht.

Nachwirkungen und Wiederentdeckung
Nach 1945 geriet ein Großteil dieser Musik in Vergessenheit. Erst seit den 1990er-Jahren erleben die Werke verfemter Komponisten eine Renaissance. Zahlreiche Orchester, Festivals und Forschungseinrichtungen widmen sich der Wiederaufführung, darunter auch das Jewish Chamber Orchestra Munich.
Die Auseinandersetzung mit „entarteter Musik“ ist heute ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur und zeigt, wie wichtig die Wiederentdeckung kulturell ausgelöschter Stimmen ist.