
Murray Perahia – Sephardisches Genie am Klavier
Beim Namen Murray Perahia hört, denken viele sofort an seine tiefgründigen Interpretationen von Bach, Mozart oder Schubert. Weniger bekannt ist jedoch, dass dieser große Pianist und Dirigent aus einem kulturellen Hintergrund stammt, der ebenso reich ist wie sein musikalisches Schaffen: Murray Perahia ist sephardischer Jude – eine Herkunft, die leise, aber bedeutungsvoll in seinem Leben und Wirken mitschwingt.

Wer ist Murray Perahia?
Geboren 1947 in der Bronx, New York City, wuchs Perahia in einem sephardisch-jüdischen Elternhaus auf. Seine Familie stammte ursprünglich aus Thessaloniki (Griechenland), einer Stadt, die einst eine der größten und bedeutendsten sephardisch-jüdischen Gemeinden Europas beherbergte – bis sie im Holocaust fast vollständig ausgelöscht wurde.
Perahia begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel, doch erst als Teenager entwickelte er eine tiefere Leidenschaft für die Musik. Später studierte er an der Juilliard School und wurde Schüler von Mieczysław Horszowski. Sein internationaler Durchbruch kam 1972, als er den Leeds International Piano Competition gewann – ein Preis, der ihm eine Weltkarriere eröffnete.

Der stille Einfluss des sephardischen Erbes
Perahia spricht selten direkt über seine Herkunft – seine Interviews konzentrieren sich fast ausschließlich auf musikalische Themen. Dennoch gibt es feine Hinweise auf seine sephardische Identität:
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Sprachliche Wurzeln: In Interviews hat Perahia gelegentlich erwähnt, dass seine Großeltern zu Hause Ladino sprachen – die Sprache, die viele sephardische Familien bis heute pflegen. Dieses kulturelle Erbe war Teil seiner Kindheit, auch wenn es nie im Vordergrund stand.
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Musikalisches Empfinden: Sephardische Musik ist bekannt für ihre tief emotionale Klangwelt – Melancholie, Sehnsucht, aber auch Wärme und Spiritualität. Es ist verlockend, Parallelen zu Perahias Spielweise zu ziehen: Seine Interpretationen sind nie oberflächlich, sondern durchdrungen von einer inneren Stimme, einer Art stiller Meditation. Besonders in seinen Bach- und Mozart-Interpretationen spürt man diese „Seele“, die sich nicht laut aufdrängt, aber nachhaltig wirkt.
- Religiöse Tiefe: Perahia ist ein gläubiger Mensch. Seine langjährige Beschäftigung mit spirituellen und philosophischen Texten (er war eng mit dem Dirigenten und religiösen Denker Daniel Barenboim verbunden) könnte auch auf eine sephardische Prägung zurückzuführen sein – denn in der sephardischen Tradition ist das Zusammenspiel von Musik, Mystik und Bildung ein tief verwurzelter Wert.

Fazit: Mehr als Technik – eine kulturelle Tiefe
Murray Perahia ist weit mehr als ein Virtuose am Klavier. Sein Spiel berührt, weil es nicht nur technisch brillant, sondern menschlich tief ist. Vielleicht liegt ein Teil dieser Tiefe in seiner sephardischen Herkunft – einer Tradition, die über Jahrhunderte hinweg Leid, Hoffnung und Kultur miteinander verband. Auch wenn Perahia selbst kaum öffentlich über seine Wurzeln spricht, leben sie doch weiter – in jeder Note, die er spielt.

Im Herbst 2025 beschäftigt sich das JCOM im Projekt DIE SCHLÜSSEL VON TOLEDO mit der Musik und Kultur der sephardischen Juden. Dieses Projekt wird in der Bildungsagenda NS - Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.
Aktuelle Konzerttermine unter www.jcom.de/konzerte.
