Schiwah – Die siebentägige Trauerzeit im Judentum

Schiwah – Die siebentägige Trauerzeit im Judentum

Der Tod eines nahen Angehörigen ist eine der größten emotionalen Herausforderungen im menschlichen Leben. Das Judentum hat über Jahrtausende ein ausgeklügeltes System von Trauerritualen entwickelt, das den Hinterbliebenen Struktur, Trost und Gemeinschaft bietet. Im Zentrum dieser Traditionen steht die Schiwah (hebräisch: שבעה, "sieben") – eine intensive siebentägige Trauerphase unmittelbar nach der Beerdigung.

Was ist Schiwah?

Schiwah (auch: Shiva) bezeichnet die ersten sieben Trauertage nach der Bestattung eines Elternteils, Ehepartners, Geschwisters oder Kindes. In dieser Zeit bleiben die engsten Angehörigen – die sogenannten Awelim (Trauernden) – zu Hause und empfangen Besucher, die ihnen kondolieren und sie trösten. Diese Praxis basiert auf biblischen Quellen und ist seit über 2000 Jahren fester Bestandteil jüdischer Trauer.

Der Begriff "Schiwah sitzen" beschreibt wörtlich die Praxis: Die Trauernden sitzen traditionell auf niedrigen Hockern oder Kissen am Boden, ein Symbol der Erniedrigung und des Schmerzes. Diese körperliche Haltung drückt die tiefe Trauer aus und unterscheidet die Awelim sichtbar von den Besuchern.

Die Halacha: Religiöse Vorschriften der Schiwah

Die jüdischen Religionsgesetze (Halacha) regeln die Schiwah sehr präzise. Zur Schiwah verpflichtet sind die nächsten Verwandten: Söhne, Töchter, Ehepartner, Geschwister und Eltern des Verstorbenen. Die sieben Tage beginnen unmittelbar nach der Beerdigung und enden am Morgen des siebten Tages.

  • Während der Schiwah gelten für die Trauernden besondere Einschränkungen:
  • Sie verlassen das Haus nicht (außer am Schabbat für den Synagogenbesuch in manchen Gemeinden)
  • Sie arbeiten nicht
  • Sie tragen keine Lederschuhe
  • Sie baden oder duschen nicht zum Vergnügen, sondern nur zur Hygiene
  • Sie schneiden sich nicht die Haare
  • Sie rasieren sich nicht
  • Ehepaare verzichten auf Intimität
  • Sie vermeiden Unterhaltung und Vergnügungen
  • Spiegel werden verhängt

Diese Vorschriften mögen streng erscheinen, dienen aber einem klaren Zweck: Sie schaffen einen geschützten Raum, in dem die Trauernden sich vollständig ihrer Trauer hingeben können, ohne von alltäglichen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Erwartungen abgelenkt zu werden.

Der Ablauf der Schiwah-Woche

Die Seudat Hawra'a – Die Kondolenzmahzeit

Unmittelbar nach der Rückkehr von der Beerdigung findet die Seudat Hawra'a statt, die erste Mahlzeit der Trauernden. Diese wird traditionell von Freunden oder der Gemeinde vorbereitet, denn die Trauernden sollen in den ersten Stunden nicht selbst kochen müssen. Klassische Speisen sind hartgekochte Eier und Linsen – runde Lebensmittel, die den Kreislauf des Lebens symbolisieren.

Tägliche Gebete

Während der Schiwah versammelt sich dreimal täglich ein Minjan (Gebetsquorum von mindestens zehn jüdischen Erwachsenen) im Trauerhaus. Die Trauernden sprechen das Kaddisch, das Totengebet, das paradoxerweise kein Wort über den Tod enthält, sondern Gottes Namen heiligt und preist. Dieses Gebet drückt aus, dass trotz des persönlichen Verlusts der Glaube an Gott und die göttliche Ordnung bestehen bleiben.

Besuche – Nichum Awelim

Das Trösten von Trauernden – Nichum Awelim – gilt im Judentum als große Mizwa (religiöse Pflicht). Besucher kommen, um ihre Anteilnahme auszudrücken, Erinnerungen an den Verstorbenen zu teilen und den Trauernden beizustehen. Dabei gibt es eine wichtige Regel: Die Besucher warten, bis die Trauernden das Gespräch beginnen. Dies respektiert den emotionalen Zustand der Awelim, die manchmal sprechen möchten und manchmal lieber schweigen.

Besucher bringen oft Essen mit, da die Trauernden nicht kochen sollen. In vielen Gemeinden organisieren sich Freunde und Nachbarn, um die Familie die ganze Woche über zu versorgen.

Besonderheiten und Ausnahmen

Schabbat während der Schiwah

Fällt ein Schabbat in die Schiwah-Woche, werden die öffentlichen Trauerbekundungen unterbrochen. Am Schabbat trägt man normale Kleidung (nicht die zerrissene), sitzt auf normalen Stühlen und darf das Haus für den Synagogenbesuch verlassen. Die private Trauer setzt sich fort, aber der Schabbat als Tag der Freude verändert die äußeren Formen. Der Schabbat zählt dennoch als einer der sieben Trauertage.

Feiertage

Trifft ein jüdischer Feiertag auf die Schiwah, wird diese unterbrochen oder verkürzt. Die großen Feiertage (Pessach, Schawuot, Sukkot) beenden die Schiwah vorzeitig, da die Freude der Gemeinschaft Vorrang hat.

Moderne Anpassungen

In der heutigen Zeit haben sich einige Praktiken angepasst. Viele berufstätige Menschen können nicht eine ganze Woche zu Hause bleiben. In solchen Fällen finden manche nur an den Abenden und am Wochenende Schiwah, kehren aber tagsüber zur Arbeit zurück. Obwohl dies nicht der traditionellen Halacha entspricht, wird es in vielen Gemeinden als pragmatischer Kompromiss akzeptiert.

Die psychologische und soziale Bedeutung

Die Schiwah erfüllt mehrere wichtige Funktionen, die auch aus moderner psychologischer Sicht sinnvoll sind:

Strukturierung der Trauer: Die sieben Tage bieten einen klar definierten Zeitraum intensiver Trauer. Dies hilft, die überwältigenden Gefühle nach einem Todesfall zu kanalisieren.

Soziale Unterstützung: Das ständige Kommen und Gehen von Besuchern verhindert, dass die Trauernden in ihrer Trauer isoliert werden. Die Gemeinschaft zeigt praktisch ihre Solidarität.

Erinnerungsarbeit: Durch das Teilen von Geschichten über den Verstorbenen beginnt der Prozess, die Erinnerung an die Person zu bewahren und gleichzeitig den Verlust zu verarbeiten.

Allmählicher Übergang: Die Schiwah ist der Beginn eines gestuften Trauerprozesses. Nach den sieben Tagen folgen dreißig Tage eingeschränkter Trauer (Schloschim), und beim Tod eines Elternteils ein ganzes Jahr. Dieser schrittweise Rückweg in den Alltag berücksichtigt, dass Trauer Zeit braucht.

Worte des Trostes

Wenn Besucher das Trauerhaus verlassen, sprechen sie traditionell die Worte: "HaMakom yenachem etchem betoch she'ar avelei Tzion veYerushalayim" – "Möge Gott euch trösten unter den Trauernden Zions und Jerusalems." Diese Formulierung verbindet den persönlichen Schmerz mit dem kollektiven jüdischen Schicksal und drückt aus, dass niemand in seiner Trauer allein ist.

Trost durch ein Ritual

Die Schiwah ist weit mehr als ein religiöses Ritual – sie ist ein durchdachtes System zur Bewältigung von Trauer, das Raum für Schmerz bietet, gleichzeitig aber auch Struktur, Gemeinschaft und Trost. In einer Zeit, in der der Tod oft aus dem Alltag verdrängt wird, bietet die jüdische Trauerpraxis ein Modell, wie man mit Verlust umgehen kann: nicht durch Verleugnung oder oberflächlichen Trost, sondern durch das bewusste Durchleben der Trauer in einem geschützten, von der Gemeinschaft getragenen Rahmen.

Die sieben Tage der Schiwah erinnern daran, dass Trauer ihr Recht und ihre Zeit braucht – und dass niemand allein trauern sollte.

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